Im Januar 2020 wollen Anleger in halb Europa auf ihr Konto bei der estnischen Plattform Envestio schauen und finden: nichts. Die Website ist offline, und Fachmedien berichten von rund 33 Millionen Euro Anlegergeld, die zu diesem Zeitpunkt noch auf der Plattform lagen. Die estnische Polizei eröffnet zwei Ermittlungsverfahren wegen möglichen Betrugs und schreibt trocken dazu, die Chance, das Geld zurückzuholen, sei klein. Wenige Wochen zuvor war bereits die Plattform Kuetzal untergetaucht, wenige Wochen später stoppt die lettische Grupeer alle Auszahlungen. Willkommen im Katerjahr einer Anlageklasse, die kurz zuvor noch als das nächste große Ding gefeiert wurde.
Gestern ging es an dieser Stelle um P2P-Konten, die aussehen wie Tagesgeld. Heute geht es um die Frage dahinter: Was ist eigentlich aus dem großen P2P-Versprechen geworden, und warum ist es hierzulande so still darum? Die kurze Antwort: In Deutschland war es nie wirklich laut. Die lange Antwort erzählt von einem deutschen Sonderweg, einer Skandalwelle, einer Zinswende und einer Regulierungslücke, die bis heute offen ist.
Der deutsche Sonderweg: P2P ohne P2P
Peer to Peer, also von Privatperson zu Privatperson, hat in Deutschland rechtlich nie stattgefunden. Wer hierzulande gewerbsmäßig Gelddarlehen vergibt, betreibt nach dem Kreditwesengesetz ein Bankgeschäft und braucht dafür eine Erlaubnis der BaFin. Deutsche Plattformen wie Auxmoney oder Smava schalteten deshalb von Anfang an eine Bank dazwischen: Das Institut vergab den Kredit, die Anleger kauften anschließend die Rückzahlungsansprüche. Die BaFin beschreibt genau dieses Modell als den Regelfall des Crowdlending. Aus dem romantischen Bild vom Menschen, der einem Menschen leiht, war hierzulande also immer schon ein Bankprodukt mit Umweg geworden.
Und selbst das ist inzwischen Geschichte. Smava wickelte seinen P2P-Marktplatz still ab und erklärt heute als reines Kreditvergleichsportal auf der eigenen Website, wegen der Risiken keine P2P-Kredite mehr anzubieten. Lendico wurde 2018 an die ING verkauft, das Privatkundengeschäft danach eingestellt. Und Auxmoney, der letzte große deutsche Anbieter, beendete das Geschäft mit Privatanlegern zum 1. Juni 2022. Seitdem sind dort keine Neuinvestitionen mehr möglich, finanziert wird über institutionelle Investoren. Wer als deutscher Privatanleger heute P2P will, landet also zwangsläufig im Baltikum, bei Anbietern wie Bondora, Mintos oder eben Monefit.
Hype, Kater, Aufräumen
Die goldenen Jahre der Szene waren 2017 bis 2019: zweistellige Renditeversprechen, Rückkaufgarantien, die nach Sicherheit klangen, und eine wachsende Blogger-Landschaft, die an jeder Empfehlung mitverdiente. Dann kam die Ernüchterung, gleich in drei Wellen.
Die Exit-Scams. Envestio und Kuetzal verschwanden im Januar 2020, die estnische Polizei ermittelte wegen möglichen Betrugs, im Juni 2020 wurden beide für insolvent erklärt. Kurz darauf stellte Grupeer alle Zahlungen ein; nach Recherchen des lettischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks hatten dort fast 28.000 Anleger investiert, die offenen Forderungen lagen bei knapp 50 Millionen Euro. Über Verurteilungen ist bis heute nichts bekannt.
Die Corona-Bewährungsprobe. Bondora aktivierte im März 2020 zum bislang einzigen Mal die Teilauszahlungen bei Go & Grow: Wer sein Geld wollte, bekam es in täglichen Raten statt sofort, nach Berichten bis in den Juni hinein. Genau das Liquiditätsszenario also, das im gestrigen Artikel beschrieben steht. Bei Mintos fielen reihenweise Kreditgeber aus; Anfang 2021 waren dort nach einer Analyse des Fachportals ExploreP2P rund 133 Millionen Euro an Krediten notleidend, die geschätzten Anlegerverluste lagen zwischen 42 und 66 Millionen Euro.
Der lange Nachschlag. Ab 2022 geriet die Creditstar-Gruppe, die hinter Monefit steht, gegenüber ihren Plattform-Anlegern in Verzug: Auf Lendermarket stauten sich verzinste Zahlungsrückstände, Kredite wurden laut Fachblogs ohne Zutun der Kreditnehmer verlängert, Gelder waren teils bis zu 720 Tage blockiert. Erst im Oktober 2025 meldete die Plattform, alle ausstehenden Zahlungen seien beglichen.
Die Zinswende nahm den Schwung
Parallel drehte die EZB der Anlageklasse ihr wichtigstes Verkaufsargument ab. 2019 lag der Einlagensatz bei minus 0,5 Prozent, Tagesgeld brachte nichts, und zweistellige P2P-Renditen wirkten wie der einzige Ausweg aus der Nullzins-Wüste. Bis September 2023 hob die EZB den Satz auf 4,0 Prozent, aktuell liegt er nach einer Anhebung im Juni 2026 bei 2,25 Prozent. Seitdem gibt es wieder Zinsen ganz ohne Ausfallrisiko, und der P2P-Vorsprung schrumpfte von zehn Prozent gegen null auf sieben gegen vier. Für dasselbe Risiko ist das ein deutlich schlechterer Tausch.
Die Lücke, die bleibt
Und die Aufsicht? Hier kommt das vielleicht überraschendste Detail dieser Geschichte. Die EU hat 2020 eine eigene Schwarmfinanzierungs-Verordnung geschaffen, mit Lizenzpflicht und Anlegerschutzregeln. Nur gilt sie ausdrücklich nicht für Kredite an Verbraucher, das steht direkt in Artikel 1 der Verordnung. Ausgerechnet das Segment, aus dem die tagesgeld-ähnlichen P2P-Konten ihre Rendite ziehen, blieb außen vor.
Der Markt lebt seitdem in nationalen Regeln, und die fallen sehr unterschiedlich aus. Mintos ließ sich 2021 als Wertpapierfirma lizenzieren, mit gesetzlicher Anlegerentschädigung bis 20.000 Euro, die allerdings nur greift, wenn Mintos selbst ausfällt, nicht bei Kreditausfällen. Bondora ist in Estland als Kreditgeber lizenziert, kassierte von der dortigen Aufsicht im April 2025 aber ein Bußgeld über 200.000 Euro, weil es Kreditverträge ohne die gesetzlich vorgeschriebene vollständige Bonitätsprüfung abgeschlossen hatte. Und das Monefit-SmartSaver-Konto aus dem gestrigen Artikel? Die Creditstar-Gesellschaft dahinter trägt eine estnische Kreditgeber-Lizenz, das Anlageprodukt selbst gilt nach übereinstimmenden Berichten von Fachportalen dagegen als unreguliert.
Der Zins der anderen Seite
Ein Blick auf die Kreditnehmerseite erklärt, warum sich das Geschäft trotz allem trägt. Der estnische Anbieter Creditstar nennt auf seiner Website ein Repräsentativbeispiel mit 38,4 Prozent Zins und einer effektiven Jahreskostenquote von 45,93 Prozent. Das ist in Estland legal: Ein Verbraucherkredit ist dort erst nichtig, wenn seine Kostenquote das Dreifache des von der Zentralbank veröffentlichten Durchschnitts übersteigt, die Grenze liegt Berichten zufolge derzeit bei rund 46 bis 47 Prozent. In Deutschland wäre ein solcher Kredit kaum denkbar. Der Bundesgerichtshof hält Konsumentenkredite in ständiger Rechtsprechung regelmäßig für sittenwidrig, wenn der Vertragszins den marktüblichen Effektivzins um rund 100 Prozent relativ oder 12 Prozentpunkte absolut übersteigt. Bei einem Bundesbank-Durchschnitt von 8,35 Prozent für Konsumentenkredite, Stand Juni 2026, läge diese Schwelle als reine Rechenübung zwischen etwa 17 und 20 Prozent. Zur Einordnung: Selbst der viel gescholtene Dispo kostete laut einer Erhebung der Stiftung Warentest zuletzt im Schnitt 11,22 Prozent. Wer über baltische Plattformen investiert, finanziert also Kredite, die es nach deutschen Maßstäben in dieser Form nicht geben dürfte. Ob man daran mitverdienen möchte, ist am Ende keine Rendite-Frage, sondern eine persönliche.
Was davon übrig ist
Tot ist die Anlageklasse trotzdem nicht. Die deutschsprachigen P2P-Blogs veröffentlichen weiter monatliche Portfolio- und Marktberichte, und die europäische Wertpapieraufsicht ESMA zählte im regulierten Schwarmfinanzierungs-Markt für 2024 immerhin 4,25 Milliarden Euro eingesammeltes Kapital, allerdings ohne Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Einzelne Anbieter haben aus den Krisenjahren sichtbar Konsequenzen gezogen, allen voran Mintos mit der Wertpapierlizenz. Aus dem wilden Hype von 2019 ist ein kleiner, reiferer, aber weiterhin überwiegend unregulierter Nischenmarkt geworden. Genau deshalb ist es so still: Es gibt keine deutsche Plattform mehr, kaum frische amtliche Zahlen und wenig, woran große Medien anknüpfen könnten. Die veralteten Quellen, über die man bei der Recherche stolpert, sind keine Nachlässigkeit. Sie sind das Porträt dieses Marktes.
Wenn dich die Anlageklasse trotzdem reizt, hilft ein Dreisprung, der direkt aus dieser Geschichte folgt. Erstens: Prüfe nicht das Marketing, sondern die Lizenz, und zwar beim Aufseher selbst; die estnische Finanzaufsicht etwa führt ein öffentliches Register der lizenzierten Kreditgeber. Zweitens: Unterscheide, ob die Firma reguliert ist oder das Produkt, das ist, wie der Fall SmartSaver zeigt, nicht dasselbe. Und drittens gilt der Satz aus dem gestrigen Artikel unverändert: nur Geld, dessen Verlust du im Zweifel verkraften kannst.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung und keine Empfehlung für oder gegen bestimmte Produkte oder Plattformen dar. P2P-Investments sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.
Belege (amtlich)
- Merkblatt Kreditgeschäft (BaFin) — BaFin
- Crowdfunding als Geldanlage, Verbraucherinformation (BaFin) — BaFin
- Were Envestio and Kuetzal a fraud? (estnische Polizei- und Grenzschutzbehörde) — politsei.ee
- Verordnung (EU) 2020/1503 über Schwarmfinanzierungsdienstleister, Artikel 1 (EUR-Lex) — eur-lex.europa.eu
- Finantsinspektsioon fined Bondora AS 200,000 euros (estnische Finanzaufsicht, 30.4.2025) — fi.ee
- Register lizenzierter Kreditgeber in Estland (Finantsinspektsioon) — subjektid.fi.ee
- Key ECB interest rates (Europäische Zentralbank) — ecb.europa.eu
- MFI-Zinsstatistik: Konsumentenkredite an private Haushalte (Deutsche Bundesbank) — Deutsche Bundesbank
- Market Report: Crowdfunding in the EU 2025 (ESMA) — esma.europa.eu
- § 138 BGB, Sittenwidriges Rechtsgeschäft und Wucher — Gesetze im Internet
- Obergrenze der Kreditkostenquote (minuraha.ee, Verbraucherportal der estnischen Finanzaufsicht) — minuraha.ee
- BGH, Urteil vom 29.11.2011, XI ZR 220/10, Volltext (Bundesgerichtshof) — bundesgerichtshof.de
Primärquellen (Original)
- Privatanleger-FAQ zum Ende des Anlegergeschäfts (Auxmoney) — auxmoney.com
- P2P Kredit: Vorteile, Nachteile und Alternativen (Smava) — smava.de
- Top questions from investors in March 2020 (Bondora-Blog) — goandgrow.eu
- Investor protection (Mintos) — mintos.com
- Mintos obtains European investment firm license (Mintos-Blog, 19.8.2021) — mintos.com
- Repräsentativbeispiel Verbraucherkredit (Creditstar Estland) — creditstar.ee
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Alle Quellen anzeigen (8)
- Estonian P2P lenders Envestio and Kuetzal declared bankrupt (Alternative Credit Investor, 10.6.2020) — alternativecreditinvestor.com
- LTV: Latvian-based Grupeer has left thousands of investors high and dry (LSM.lv, 19.4.2021) — eng.lsm.lv
- How much money will Mintos investors lose? (ExploreP2P, Februar 2021) — explorep2p.com
- Lendermarket Erfahrungen (re:think P2P) — rethink-p2p.de
- Monefit SmartSaver Review (P2P Empire) — p2pempire.com
- Zinsobergrenzen am estnischen Kreditmarkt (moneyhub.ee) — moneyhub.ee
- Dispozinsen weiter gestiegen, unter Berufung auf Stiftung Warentest (Verbraucherzentrale Hamburg) — vzhh.de
- Marktanteile der P2P-Kredite-Anbieter im Juni 2026 (P2P-Kredite.com) — p2p-kredite.com

