60.000 Euro. Bei einer angenommenen Jahresrendite von 5 Prozent wirft ein Depot dieser Größe im Schnitt 3.000 Euro pro Jahr ab. Genauso viel, wie manch einer mit 250 Euro im Monat mühsam anspart. In dem Moment, in dem beide Zahlen sich treffen, passiert etwas Bemerkenswertes: Dein Depot verdient in einem Jahr so viel, wie du selbst einzahlst. Es zieht mit dir gleich. Und ab da wird die Frage spannend, ob du überhaupt noch weitersparen musst.

Dieser Punkt hat einen Namen, der zwar in keinem Gesetz und keiner amtlichen Statistik steht, aber finanzmathematisch sauber definierbar ist: der Zinseszins-Kipppunkt.

Was genau kippt da eigentlich?

Zinseszins ist im Grunde Zins auf Zins. Du legst Geld an, bekommst Rendite, und im nächsten Jahr wird die Rendite nicht nur auf dein ursprüngliches Kapital berechnet, sondern auch auf die Erträge, die du schon dazubekommen hast. Wie ein Schneeball, der beim Rollen selbst Schnee aufsammelt und dadurch immer schneller wächst. Die klassische Formel dafür lautet:

Endkapital = Startkapital × (1 + Rendite) hoch Anzahl der Jahre

Die Rendite steht dabei als Faktor in der Klammer, aus 5 Prozent wird also mal 1,05, und das Jahr für Jahr aufs Neue. Das Entscheidende: Dein Depot wächst nicht in gleichmäßigen Schritten, sondern exponentiell. Jedes Jahr wird die Rendite auf einen etwas größeren Betrag berechnet als im Vorjahr.

Der Kipppunkt beschreibt nun den Depotwert, ab dem die jährlichen Erträge mindestens so hoch sind wie deine eigene Sparrate. Die Rechnung dahinter ist erstaunlich schlicht:

Kipppunkt = jährliche Sparrate geteilt durch erwartete Rendite

Du teilst also, was du jährlich einzahlst, durch deine erwartete Rendite als Dezimalzahl. 3.000 Euro geteilt durch 0,05 ergeben 60.000 Euro. Fertig.

Ein paar Beispiele, gerechnet mit den 5 bis 7 Prozent, mit denen viele Bank- und Anbieterratgeber für langfristige Aktien- und ETF-Anlagen kalkulieren (vor Kosten und Steuern, wohlgemerkt):

  • Bei 5 Prozent Rendite: Wer 3.000 Euro im Jahr spart, erreicht den Kipppunkt bei 60.000 Euro. Bei 6000 Euro Sparrate liegt er bei 120.000 Euro.

  • Bei 7 Prozent Rendite: Dieselben 3.000 Euro Sparrate ergeben einen Kipppunkt von rund 42.900 Euro, die 6.000 Euro entsprechend rund 85.700 Euro.

Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens: Je höher die angenommene Rendite, desto früher kippt es. Zweitens, und das ist der unbequeme Teil: Diese Rendite ist eine Annahme, keine Zusage.

Der Unterschied, der oft untergeht

Der Kipppunkt wird gern mit finanzieller Unabhängigkeit verwechselt. Das ist er ausdrücklich nicht. Wenn dein Depot ab 60.000 Euro so viel abwirft, wie du sparst, heißt das nur: Du könntest theoretisch aufhören einzuzahlen, ohne dass dein Vermögenswachstum zum Erliegen kommt. Es heißt nicht, dass du davon leben kannst.

Die FIRE-Bewegung, kurz für Financial Independence, Retire Early, also finanzielle Unabhängigkeit mit frühem Ruhestand, arbeitet mit einer ganz anderen Größe. Dort geht es um Entnahmeregeln, etwa die verbreitete 3- bis 4-Prozent-Regel, bei der die jährlichen Entnahmen deine gesamten Lebenshaltungskosten decken sollen. Das ist eine völlig andere Hausnummer. Wer 30.000 Euro im Jahr zum Leben braucht, landet bei der 4-Prozent-Regel schnell bei einem nötigen Vermögen von 750.000 Euro.

Der Kipppunkt ersetzt also deine Sparrate, nicht dein Gehalt. Diese Unterscheidung klingt banal, entscheidet aber darüber, ob eine Zahl motivierend oder irreführend ist.

Die drei Phasen, in denen sich dein Vermögen bewegt

Aus der Zinseszinslogik ergibt sich ein Muster, das sich in vielen Rechenbeispielen wiederfindet.

In der Ansparphase ist dein Depot noch klein. Der Beitrag der Zinsen ist gering, und was am Ende des Jahres im Depot steht, hängt fast vollständig von deinen Einzahlungen ab. Wer hier auf den Zinseszins hofft, wartet vergeblich. Das ist die Phase, in der Disziplin mehr zählt als Rendite.

In der Übergangsphase verschiebt sich das Verhältnis. Ratgeber wie der Zinseszinsrechner von Finanzen.net weisen darauf hin, dass der Effekt bei langen Laufzeiten spürbar wird, teils ab etwa 20 Jahren deutlich dominiert. Erträge und Sparrate nähern sich einander an. Genau in diesem Bereich liegt der Kipppunkt.

In der Spätphase übernimmt der Zinseszins die Regie. Jetzt trägt das Kapital selbst den Großteil des Wachstums, und zusätzliche Sparraten fallen relativ betrachtet kaum noch ins Gewicht. Bankratgeber nennen das gern „Schneeballeffekt“ oder „Turbo“. Die Mathematik dahinter stimmt, auch wenn die Wortwahl nach Werbung klingt.

Und was machst du jetzt mit deiner Sparrate?

Sobald der Kipppunkt erreicht ist, hast du im Wesentlichen drei Wege. Vorschriften gibt es dazu keine, es ist reine Planung.

Weitersparen wie bisher. Wenn du deine Rate konstant lässt, wächst das Depot nach dem Kipppunkt noch schneller, weil jetzt Erträge und Einzahlungen gleichzeitig zufließen. Das ist der Weg für alle, die ein größeres Ziel als die reine Selbsttragung verfolgen, etwa den FIRE-Betrag. Der Nachteil: Du legst Geld beiseite, das du vielleicht auch heute schon gebrauchen könntest.

Sparrate auf null stellen. Dein Depot wächst dann nur noch durch Rendite. Kurzfristig entlastet das dein Monatsbudget spürbar, denn das monatliche Sparen entfällt. Langfristig machst du dich damit voll von der tatsächlichen Rendite abhängig. Und hier liegt der Haken: Die 5 bis 7 Prozent sind ein historischer Durchschnitt, kein Versprechen. Märkte schwanken, es gibt Jahre mit Minus. Wer in einer schlechten Phase aufhört einzuzahlen, verliert den Vorteil, günstig nachzukaufen.

Sparrate dynamisch koppeln. Statt einer festen Zahl orientierst du dich an einem Prozentsatz deines Einkommens oder deiner Erträge. Das gibt Flexibilität und hält den Aufbau inflationsbereinigt in Bewegung. Als feste Regel taucht das in keinem Standardwerk auf, es ist eher eine logische Anwendung der Zinseszinslogik.

Wie lange dauert das alles?

Für die Abschätzung nutzen viele die 72er-Regel, eine Faustformel: Du teilst 72 durch deine jährliche Rendite in Prozent und bekommst grob die Zahl der Jahre, bis sich dein Kapital verdoppelt hat.

  • Bei 4 Prozent: rund 18 Jahre

  • Bei 6 Prozent: rund 12 Jahre

  • Bei 8 Prozent: rund 9 Jahre

Das ist eine Näherung, kein exaktes Ergebnis, reicht aber für ein Gefühl der Größenordnung. Wer es genau will, rechnet mit dem natürlichen Logarithmus, aber für den Alltag tut es die 72.

Die 72er-Regel beantwortet allerdings nur, wie schnell sich vorhandenes Kapital verdoppelt. Für den Weg zum Kipppunkt gibt es eine überraschend elegante Antwort, und sie ist reine Mathematik: Wer bei null startet und Jahr für Jahr dieselbe Rate spart, erreicht seinen Kipppunkt nach genau einer Verdopplungszeit. Bei 5 Prozent Rendite sind das gut 14 Jahre, bei 7 Prozent etwas mehr als 10. Das Verblüffende daran: Die Höhe der Rate spielt dafür keine Rolle, denn mit der Sparrate wächst auch der Kipppunkt im gleichen Maß mit. Ob du 250 oder 500 Euro im Monat sparst, du brauchst gleich lange, nur dein Ziel und dein Depot sind am Ende doppelt so groß. Höhere Raten bringen dich also nicht schneller zum Kipppunkt, sie machen den Kipppunkt wertvoller.

Wo die Grenzen liegen

Der Kipppunkt ist eine hübsche, klare Zahl. Genau das macht ihn auch gefährlich, wenn man ihn zu wörtlich nimmt.

Erstens steht und fällt die ganze Rechnung mit der angenommenen Rendite. Setzt du 7 Prozent an und es werden über die Jahre nur 4, verschiebt sich dein Kipppunkt deutlich nach oben, und zwar rückwirkend. Zweitens rechnet die einfache Kipppunkt-Formel mit einer nominalen Rendite. Inflation frisst einen Teil davon auf. Ein Depot, das sich nominal selbst trägt, verliert real womöglich trotzdem an Kaufkraft. Drittens sind Steuern und Kosten nicht eingepreist. Von den Erträgen gehen in Deutschland Abgeltungsteuer und gegebenenfalls Fondskosten ab, was die real verfügbare Rendite senkt.

Die Formel liefert also eine Orientierung, keine Garantie. Für sie spricht, dass sie ein diffuses Ziel in eine greifbare Zahl übersetzt und zeigt, wie stark der eigene Aufbau irgendwann vom Kapital selbst getragen wird. Gegen eine allzu wörtliche Auslegung spricht, dass sie Renditeschwankungen, Inflation, Steuern und Kosten ausblendet.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Empfehlung für bestimmte Anlageprodukte oder Sparstrategien dar. Alle Rechenbeispiele sind reine Mathematik mit angenommenen Renditen, keine Prognosen.

Quellen & Transparenz