Riester hatte am Ende einen schlechten Ruf, den Millionen Verträge trugen: teuer, kompliziert, mit einer Renditebremse, die niemand mochte. Der Nachfolger kommt am 1. Januar 2027, und er dreht genau an den Schrauben, über die sich Sparer jahrelang geärgert haben. Der Zwang zur vollen Beitragsgarantie fällt weg, die Förderung wird einfacher, und die Erträge dürfen im Depot ungestört wachsen, bis du sie im Ruhestand brauchst.
Ob das für dich Sinn ergibt, hängt allerdings von ein paar Details ab, die im Werbeprospekt gern untergehen. Schauen wir sie uns der Reihe nach an.
Was das Altersvorsorgedepot überhaupt ist
Die Bundesregierung hat 2024/2025 die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge beschlossen. Ab dem 1. Januar 2027 dürfen Finanzunternehmen ein sogenanntes Altersvorsorgedepot anbieten. Das ist im Grunde ein Wertpapierdepot mit Steuervorteil und staatlicher Zulage, laut Bundesfinanzministerium gedacht als Neustart für die private Vorsorge und Ersatz für die klassische Riester-Rente.
Herzstück ist ein standardisiertes Produkt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband beschreibt es als Depot mit einem breit gestreuten Aktien- und Rentenfonds, das ohne 100-Prozent-Beitragsgarantie auskommt. Genau diese fehlende Garantie ist der entscheidende Unterschied zu Riester. Bei der alten Regelung musste der Anbieter garantieren, dass am Ende mindestens alle eingezahlten Beiträge wieder da sind. Klingt beruhigend, kostet aber Rendite, weil das Geld dann sehr vorsichtig angelegt werden muss. Beim neuen Depot darf mehr in Aktien fließen, was langfristig höhere Renditechancen eröffnet, aber eben auch mehr Schwankung bedeutet.
Wichtig: Die Reform ist beschlossen, die Produkte gibt es trotzdem erst ab 1. Januar 2027. Vorher kannst du keinen Vertrag abschließen.
Wer darf mitmachen
Förderberechtigt sind ab 2027 nach den Angaben der Bundesregierung vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit rentenversicherungspflichtigem Einkommen sowie Beamte. Unter bestimmten Voraussetzungen sollen auch Freiberufler und Selbstständige Zugang bekommen; hier lohnt der Blick auf die konkreten Detailregelungen, wenn die Produkte tatsächlich stehen.
Ein Punkt, der Riester deutlich vereinfacht: Die staatliche Zulage hängt nicht vom Einkommen ab. Nach den FAQ des Bundesfinanzministeriums entscheidet allein die Höhe deiner Einzahlung. Wer 360 Euro einzahlt, bekommt dieselbe Zulage, egal ob er 30.000 oder 90.000 Euro im Jahr verdient.
Bei den Beträgen gelten diese Eckwerte: Gefördert werden Eigenbeiträge bis 1.800 Euro pro Jahr. Du darfst mehr einzahlen, bis 6.840 Euro jährlich, allerdings ohne zusätzliche Zulage für den Teil oberhalb der 1.800 Euro. Nach unten wird häufig ein Mindestsparbetrag von 120 Euro im Jahr genannt, also 10 Euro im Monat.
Die Zulage: Der Staat legt drauf
Hier wird es konkret, und hier liegt der eigentliche Reiz.
Grundzulage. Für Neuverträge ab 2027 gilt laut Bundesfinanzministerium eine gestaffelte Förderung. Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es 50 Prozent Zulage, also bis zu 180 Euro. Auf jeden weiteren Euro von 360,01 bis 1.800 Euro gibt es 25 Prozent, also bis zu 360 Euro. In der Summe sind das maximal 540 Euro Grundzulage pro Jahr, wenn du die vollen 1.800 Euro einzahlst.
Übersetzt in Alltagslogik: Für die ersten 360 Euro bekommst du für jeden eingezahlten Euro 50 Cent geschenkt. Das ist eine Rendite, die dir kein Aktienmarkt garantiert.
Kinderzulage. Für jedes kindergeldberechtigte Kind gibt es zusätzlich bis zu 300 Euro pro Jahr. Nach dem aktuellen Stand mehrerer Anbieter funktioniert das so: 100 Prozent Zulage auf die Eigenbeiträge, die du pro Kind einzahlst, gedeckelt bei 300 Euro. Das heißt, wenn du 300 Euro pro Kind und Jahr einzahlst, holst du die volle Kinderzulage ab. Für Familien ist das der Hebel, der das Depot besonders attraktiv macht.
Berufseinsteigerbonus. Wer vor dem 25. Geburtstag einen Vertrag abschließt, bekommt laut Bundesregierung einmalig 200 Euro obendrauf. Für junge Leute, die früh anfangen, ist das ein netter Startschub, auch wenn 200 Euro über ein ganzes Sparerleben gerechnet eher symbolischen Charakter haben.
Steuern: Erst wachsen lassen, später zahlen
Der zweite große Vorteil steckt im Steuersystem, und er hat zwei Ebenen.
In der Ansparphase. Erträge und Kursgewinne im Depot werden nicht laufend besteuert. Das ist die sogenannte Steuerstundung. In einem normalen Depot geht bei jedem Verkauf mit Gewinn und bei jeder Ausschüttung die Abgeltungsteuer ab, also die pauschale Steuer auf Kapitalerträge. Beim Altersvorsorgedepot passiert das erst bei der Auszahlung im Ruhestand, so beschreibt es die Verbraucherzentrale. Der Effekt: Das Geld, das du sonst laufend ans Finanzamt abgeben würdest, bleibt investiert und arbeitet über Jahrzehnte mit. Dieser Zinseszinseffekt auf den gestundeten Steuerbetrag ist der Grund, warum Steuerstundung über lange Zeiträume so viel ausmacht. Der Sparer-Pauschbetrag spielt hier übrigens keine Rolle, weil ohnehin nichts laufend versteuert wird.
In der Auszahlungsphase. Später kommt die Steuer zurück. Die Rente aus dem Depot unterliegt deiner persönlichen Einkommensteuer, du zahlst also nach deinem individuellen Grenzsteuersatz. Der Gedanke dahinter, den unter anderem die Verbraucherzentrale erläutert: Im Ruhestand ist der Steuersatz für die meisten Menschen niedriger als im Berufsleben, weil das zu versteuernde Einkommen sinkt. Wenn das bei dir so ist, verschiebst du die Steuerlast in eine günstigere Phase. Ein Automatismus ist das aber nicht. Wer im Alter hohe Einkünfte hat, etwa aus Betriebsrenten und Mieten, kann durchaus in einem hohen Steuersatz landen.
Sonderausgabenabzug und Günstigerprüfung. Neben der Zulage kannst du deine Eigenbeiträge bis 1.800 Euro plus die Zulagen als Sonderausgaben in der Steuererklärung angeben. Das Finanzamt macht dann eine automatische Günstigerprüfung: Es rechnet aus, ob die Steuerersparnis durch den Sonderausgabenabzug höher ist als die reine Zulage, und du bekommst den jeweils höheren Vorteil. Diese Logik ist von Riester bekannt. Die genauen Detailregelungen im Einkommensteuergesetz werden allerdings erst im Zuge der Umsetzung endgültig festgezurrt; die hier genannten Punkte stammen aus Sekundärquellen mit Stand 2025/2026.
Kosten und Anlage
Ein wunder Punkt bei Riester waren die Gebühren, die die Förderung oft weitgehend aufgefressen hat. Deshalb schreibt der Gesetzgeber jedem Anbieter vor, ein Standard-Altersvorsorgedepot anzubieten, und für dieses Standardprodukt gilt eine Kostenobergrenze von 1,0 Prozent Effektivkosten pro Jahr. Effektivkosten heißt: alles zusammengerechnet, was dich das Produkt jährlich kostet, gemessen an deinem angesparten Vermögen.
Nachtrag vom 5. August 2026, nach einer Leserfrage: Der Deckel gilt laut den FAQ des Bundesfinanzministeriums nur für dieses Standardprodukt. Daneben dürfen Anbieter auch frei gestaltete Altersvorsorgedepots anbieten, mit eigener Fondsauswahl und mehr Spielraum, aber ohne gesetzliche Kostenobergrenze. Dort gelten lediglich Transparenzpflichten. Wer sich für eine individuelle Variante interessiert, sollte die Effektivkosten also doppelt so gründlich vergleichen wie beim Standardprodukt. Ohne Deckel heißt dabei nicht automatisch teurer: Wer in der freien Variante schlicht einen günstigen Welt-ETF bespart, kann rein rechnerisch deutlich unter der 1-Prozent-Marke landen, die üblichen ETF-Kostenquoten stehen weiter unten. Ob das in der Praxis aufgeht, hängt an den Zusatzkosten des jeweiligen Anbieters, etwa für Depotführung oder Abschluss, und das zeigt sich erst, wenn die Produkte 2027 vorliegen.
Das Standardprodukt besteht laut Verbraucherzentrale typischerweise aus einem Aktien- und einem Rentenfonds, oft als ETF, mit automatischer Umschichtung je nach Alter. Je näher der Ruhestand rückt, desto vorsichtiger wird das Depot umgeschichtet, damit ein Kurseinbruch kurz vor dem Ausstieg dir nicht die Ersparnisse zerlegt.
Ein Deckel von 1,0 Prozent ist besser als vieles bei Riester, aber im Vergleich zu einem schlichten Welt-ETF im normalen Depot immer noch spürbar: Dessen Kostenquote liegt laut justETF meist zwischen 0,05 und 0,25 Prozent. Über 30 Jahre summiert sich der Unterschied. Die Frage ist also nicht nur, ob das Depot günstig ist, sondern ob Zulage und Steuerstundung diesen Kostenaufschlag überkompensieren.
Was ist mit bestehenden Riester-Verträgen?
Für laufende Riester-Verträge gilt Bestandsschutz: Sie laufen zu den alten Bedingungen weiter, samt Garantie und bereits erhaltener Förderung. Wer will, kann laut den FAQ des Bundesfinanzministeriums aber wechseln, von einem bestehenden Riester-Vertrag in einen Neuvertrag zu den neuen Konditionen, ohne die bisherige Förderung zurückzahlen zu müssen. justETF beschreibt dafür drei Wege: die Umstellung beim bisherigen Anbieter, den Kapitalübertrag in ein neues Altersvorsorgedepot oder die Variante, den Altvertrag beitragsfrei ruhen zu lassen und daneben neu zu starten.
Zwei Dinge sollte man dabei wissen. Erstens ist der Wechsel laut justETF eine Einbahnstraße: Ist das Kapital einmal übertragen, gibt es keinen Weg zurück ins alte Riester-System, inklusive der dortigen Beitragsgarantie. Zweitens ist eine voreilige Kündigung fast immer die schlechteste Option, weil dann sämtliche erhaltenen Zulagen und Steuervorteile an den Staat zurückfließen. Ob sich ein Wechsel lohnt, hängt von den Kosten, der Rendite des Altvertrags und davon ab, wie nah die Auszahlungsphase schon ist. Das will in Ruhe gerechnet sein, wenn die konkreten Produkte vorliegen.
Wo die Grenzen liegen
So attraktiv die Zulagen klingen, ein paar Dinge gehören ehrlich dazu.
Das Geld ist gebunden. Es handelt sich um Altersvorsorge, also kommst du nicht einfach dazwischen dran. Wer flexibel bleiben will oder bald größere Ausgaben plant, sollte das nicht mit dem Vorsorgedepot vermischen.
Die Bindung hat allerdings auch eine gute Seite, die oft übersehen wird: Geförderte Altersvorsorge ist geschützt, falls es vor der Rente doch einmal so eng wird, dass die Grundsicherung ins Spiel kommt. Ein frei bespartes Depot zählt dort dagegen als Vermögen. Was das im Detail bedeutet, haben wir uns im Artikel zur Vorsorge-Falle genauer angeschaut.
Die fehlende Garantie ist Chance und Risiko zugleich. Ohne Beitragsgarantie sind höhere Renditen möglich, aber der Wert kann auch fallen. Wer kurz vor dem Ruhestand steht, hat weniger Zeit, Kursdellen auszusitzen, weshalb die automatische Umschichtung wichtig ist, aber sie nimmt dir das Marktrisiko nicht komplett ab.
Und die Rechnung mit dem niedrigeren Steuersatz im Alter geht nicht bei jedem auf. Sie ist ein Argument, keine Garantie.
Für Familien mit mehreren Kindern und für junge Berufseinsteiger sieht die Förderquote nach den vorliegenden Eckwerten am besten aus. Für Gutverdiener ohne Kinder, die eine hohe Aktienquote wollen, kann dagegen der schlichte ETF-Sparplan im freien Depot je nach Kosten und Steuersituation die einfachere Wahl bleiben. Genau das musst du für deine Zahlen durchrechnen, sobald die konkreten Produkte 2027 auf dem Tisch liegen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung und keine Empfehlung für ein bestimmtes Vorsorgeprodukt dar. Gesetzesstand: August 2026.
Belege (amtlich)
- Fragen und Antworten zur Reform der geförderten privaten ... — Bundesfinanzministerium
- Neustart für die private Altersvorsorge: Früh beginnen und ... — Bundesfinanzministerium
- Fragen und Antworten: Private Altersvorsorge reformiert — bundesregierung.de
Primärquellen (Original)
- Neues Altersvorsorgedepot: Renten-Chance oder teure ... — verbraucherzentrale.de
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